Rupert Arnold Hoffschmidt

Ruperts Gesicht

Vong Sprache her: Der Amazon, die Rewe, ein Google

July 01, 2017

Es ist nichts Neues, dass sich Gruppen durch ihre Sprache abgrenzen und zu erkennen geben. Beim Golf und Segeln, im Hip Hop und Jazz, bei Banken und Versicherungen: Überall spricht man einen individuellen Slang, den es gekonnt einzusetzen gilt und durch den Menschen die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ausdrücken.

Eine besonders zähe Ausprägung eines eigenartigen Sprachgebrauchs lässt sich in der deutschen Konzernwelt beobachten: Das Benutzen von bestimmten und unbestimmten Artikeln vor dem Namen von Wettbewerbern und insgesamt größeren Akteuren am Markt.

Häufig in den vergangenen Jahren wurde ich Ohrenzeuge von Sätzen wie diesen: “Wenn der Amazon kommt, dann sieht es hier schlecht aus”, “Ein Google kann sich eben alles leisten, da sind wir machtlos” oder “Eine Rewe, die Edeka — die sind da schon viel weiter als wir”.

Mir ist verständlich, dass aufgrund des gewünschten Zugehörigkeitsgefühls, dieser Corporate-Slang kopiert und weitergetragen wird, wodurch er im Laufe der Zeit flächendeckend zum Einsatz kommt. Aber: Wo war der Ursprung? Was hat jemanden dazu bewogen, Artikel an einer Stelle zu benutzen, wo Menschen vorher ohne sie ausgekommen sind? Warum die Verschwendung von Satzzeichen?

Erklärungsversuch 1: Die Bedrohung durch Vermenschlichung verharmlosen

“Wenn der Amazon in unseren Markt geht, sind wir geliefert”. Es lässt sich beobachten, dass der Gebrauch von Artikeln vor allem in bedrohlichen Situationen erfolgt. Firma XYZ hat Angst vor dem großen Konkurrenten, der wohlmöglich seine Strategie erweitern könnte und somit in den eigenen Markt vordringt. Um ein besseres Gefühl zu bekommen, bedient man sich eines Artikels, der dem potenziellen Angreifer eine gewisse Menschlichkeit verleiht und somit die Hoffnung bestärkt, alles werde schon gut gehen.

Erklärungsversuch 2: Mit Artikel hört es sich schöner an

Analog zum Gebrauch von bestimmten Artikeln vor Vornamen in Süddeutschland (z.B. “Der Rupert kommt gleich zu Besuch”), wird der Artikel benutzt, um den Satz schöner zu formen und ein wenig Auflockerung in den tristen Büroalltag zu bringen. Aus reiner Freude an der Sprache werden Artikel hinzugefügt, ohne weitere Hintergedanken.

Erklärungsverusch 3: Die Beliebigkeit einer Firma zum Ausdruck bringen

Im Kontrast zu Erklärung 1, wäre bei dem Gebrauch von unbestimmten Artikeln auch denkbar, dass diese verwendet werden, um die Beliebigkeit einer Firma zu unterstreichen. “Ein Amazon, ein Google, ein SAP, — ich könnte hier noch viele weitere Beispiele nennen — die haben dort einfach einen anderen Hebel”. Der unbestimmte Artikel verdeutlicht, dass eine Aufzählung nicht vollendet werden kann. Dies lässt sich auch in Bezug auf Personen in Firmen beobachten: “…ein Peter zum Beispiel, der macht einfach einen guten Job und fragt nicht weiter nach”. Auch hier soll verdeutlicht werden, dass mit Peter jemand beispielhaft genannt wird, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu verfolgen.

Welche Erklärungen gibt es darüber hinaus? Auf Anhieb konnte mit der Google hierbei leider nicht helfen. Eins bleibt jedoch: Wann immer ich eine Formulierung dieser Art höre, dreht sich mir der Magen um und dies ohne den genauen Grund benennen zu können.

Ist es eine von mir bislang unentdeckte Liebe zur deutschen Sprache, die ich hierdurch scheinbar bedroht sehe? Dann müsste ich mich folgerichtig auch über Rechtschreibreformen aufregen und die waren mir bislang ziemlich egal. Interpretiere ich den sprachlichen Kniff als Wichtigtuerei oder als unnötige Abgrenzung? In anderen Bereichen ist es mir schnurzegal. Vielleicht geht es auch um den inflationären Gebrauch: Anstatt ab und zu einen Artikel zu verwenden, scheint dieser konsequent zum Einsatz zu kommen. Wo vorher eine Lücke war, nimmt nun ein Artikel Platz ein. Mal wäre ja ok, aber immer?

Was sind weitere Erklärungen und, noch wichtiger, wie fühlen jene, die täglich von dieser Eigentümlichkeit betroffen sind? Ich freue mich über Erklärungen, Korrekturen, Leidensberichte und weitere Idiosynkrasien!